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Mian da Pind/Punjab/India - 22.Februar bis 12.März 2010
Ich traute meinen Ohren nicht als Tatjana mir sagte,“ Wir haben eine Einladung nach Indien, Friesen ausbilden“. Zugegeben, Indien ist das Land der Widersprüche, das ich oft und auf ganz unterschiedliche Art bereist habe, vom Luxushotel bis zur einfachen indischen Absteige, in Ayurveda Zentren, in Zeltlagern und in verschiedenen Ashrams. Ich habe Maharajapaläste besichtigt mit traumhaften Parkanlagen, das Taj Mahal, die Backwaters, die Slums von Bombay und Delhi, religiöse Feste mit tausenden von Menschen, aber ein Inder, der sich in Holland Friesen gekauft hat, die er dann in seine Heimat fliegen ließ und jetzt von uns ausbilden lassen wollte, war für mich ganz und gar unvorstellbar.   
Trotz allem fand ich die Sache spannend und so flogen Tati und ich am 22.März 2010 mit „unserem Inder“, einem Sikh mit Turban und dessen Frau mit ihrem im Punjab üblichen farbenfrohen Punjabi-Suit nach Delhi, von wo aus wir in einer abenteuerlichen 7 stündigen Fahrt nach Mian da Pind weiterfuhren. In Delhi waren wir mit Verspätung gegen Mitternacht angekommen und so erreichten wir unser Ziel gegen 8°°h morgens.Wir hatten gar keine Vorstellung gehabt, wie unsere Privatunterkunft und in welchem Zustand die Pferde und der Reitplatz sein würden. Auch das scharfe Essen der Inder stellte ich mir in einem Privathaus als große Herausforderung vor. Die knochigen Marwari-Pferde mit den Herzohren und die klapperdürren Kutschponies, die ich bis dahin kennengelernt hatte, mussten mit ziemlich rauhen Hilfen und wenig Futter klarkommen und so waren wir angenehm, überrascht von dem luxurieusen riesigen Haus mit großer Eingangshalle und 10 Schlafzimmern, den sehr gut gehaltenen Pferden und dem Reitplatz mit optimalen Trainingsmöglichkeiten. Die Familie war darüber hinaus sehr freundlich und zuvorkommend, wobei die Männer, speziell das Personal uns anfangs völlig ignorierten. Nach einem ersten Rundgang durch Haus und Hof schauten wir uns die Pferde an. Da waren die beiden 5 jährigen holländischen Friesenhengste Ouke und Menso, die bereits angeritten waren, der 4 jährige Friesenhengst Thomas, der von uns angeritten werden sollte und der 3 jährige Warmbluthengst Classico, der als Springpferd ausgebildet werden sollte. Daneben gab es noch zwei Friesenstuten, Tanja mit ihrem neugeborenen Hengstfohlen Oujan und Remke, die aller Wahrscheinlichkeit nach trächtig ist.Nach unserem ersten indischen Mittagessen mit Dal (Linsensuppe), Palak Paneer ( Spinat mit selbstgemachtem Frischkäse), Dahin (selbst gemachtem Joghurt) und Rotis (selbstgemachtes Fladenbrot) und einem kurzen Mittagsnickerchen begann dann die Arbeit mit den Pferden. Tatjana ritt Ouke und Menso, wobei Ouke sehr schwer zu sitzen war, Menso, der erklärte Liebling der Familie und des Personals, war dagegen etwas schwieriger im Maul, da er viel mehr geritten worden war.Thomas und Classico wurden in dem mit Bambus abgesteckten Round-Pen longiert, Remke ging am langen Zügel und lernte spanischen Schritt. Insgesamt waren wir, was die Pferde und die Trainingsmöglichkeiten anging sehr erleichtert. Der Reitplatz, ein voll eingezäunter Sandplatz, der mit Plastikfolien abgehängt war, enthielt einen Round-Pen mit doppelter Außenwand , in dem die Pferde wie in einem Treibgang freilaufen und –springen gelassen werden konnten, was natürlich speziell für junge Pferde optimal ist. Die Boxen waren groß und dunkel, was sicher auf Grund der sehr hohen sommerlichen Temperaturen so gemacht wurde. Sie waren im oberen Bereich und in den Zwischenwänden vergittert sodass es bei großer Hitze sicher relativ kühl ist. Im Moment war es aber abends und morgens noch sehr kalt, ca 8°C, tagsüber aber zunehmend wärmer bis 27°C und so waren die Boxen im Moment noch mit Folie als Kälteschutz zugehängt. So verlief der erste Tag in unserer neuen Familie sehr gut, wenn auch die Reise anstrengend gewesen war. Jedenfalls waren wir froh, dass wir uns gegen 20°°h schlafen legen konnten.Um 4.50h am nächsten Morgen wurden wir durch ohrenbetäubende religiöse Klänge von einem nahe liegenden Tempel geweckt, nachdem die Hunde schon die halbe Nacht gebellt hatten und die vermeintlichen Katzen, die sich allerdings als Pfauen entpuppten, das Konzert mit ihrem Geschrei untermalt hatten. Zum Frühstück um 7°h gab es Cha, den typischen Masala-Tee mit Gewürzen , Milch und sehr viel Zucker. Das Essen entfiel. Vormittags wurden die Hengste ohne Reiter longiert, nachmittags mit Baljit, „unserem Inder“ und Manjit, seiner Frau. Vor dem Abendessen bekamen wir jede einen Punjabi-Suit von Manjit geschenkt und so traten wir in perfekter indischer Kleidung zum Abendessen an. Der krönende Abschluss war dann der Besuch von Bapu, Baljit’s Vater, der uns in den Gebetsraum der Familie einlud, wo wir über Guru Nanak und die Sikh Religion instruiert wurden.So fremd die ersten Eindrücke auch für uns waren, - bisher hatte sich mein Wissen über die Sikhs darauf beschränkt, dass sie Turbane tragen, niemals die Haare schneiden dürfen, was natürlich bedeutet, dass sich die Männer auch nicht rasieren, und meistens bewaffnet mit Dolch oder sogar Gewehr herumlaufen-, so eng und liebevoll wurde die Beziehung mit der gesamten Familie, sodass wir uns nach kurzer Zeit völlig integriert fühlten, speziell, wenn „das Rudel“ zu irgendwelchen Aktivitäten ausschwärmte, sei es zum Essen, Cha trinken oder zu Ausflüge zu Verwandten oder zum Tempel. Es war schön „im Rudel“ und eine ganz neue Erfahrung für mich als „Einzelkind“. Selbst die Angestellten, die unsere Arbeit mit den Pferden heimlich neugierig beobachteten tauten mehr und mehr auf und begrüßten uns plötzlich mit dem landesüblichen „Satzlikal“ und einem breiten Grinsen. 
Die Pferde wurden täglich 2 Mal von uns oder ihren Besitzern geritten oder am Boden gearbeitet und es war schön zu sehen, wie groß die Fortschritte in der kurzen Zeit waren. Alle 3 Friesen wurden in den 3 Grundgangarten gearbeitet, lernten spanischen Schritt, Ouke und Menso Seitengänge vom Boden und unter dem Sattel, Thomas wurde angeritten und ging nach kurzer Zeit so brav, das Baljit ihn selbst reiten konnte. Mit Menso fingen wir Steigen an, Classico lernte über Hindernisse springen nicht zuletzt durch das große Engagement von Baljit, der sofort alle von mir geforderten „Zutaten“ beschaffte wie Absperrpfosten, Bänder und Strohballen , die mit Bambusstangen als Hindernisse dienten, sowie mehrere Helfer, die das Pferd auf Kurs hielten.Schon nach wenigen Tagen fühlten wir uns als richtige Familienmitglieder. 
Wir haben viel Neues gesehen und erlebt. Besondere Highlights waren natürlich die Ausflüge nach Dharamsala, dem Sitz des Dalai Lamas am Rande des Himalaya und der Ausflug zum Goldenen Tempel nach Amritsar, dem größten Heiligtum der Sikh. Aber auch die vielen Einladungen zum Tee, die wir von allen möglichen Verwandten bekamen, und wo wir überall mit Geschenken überhäuft wurden. Der Abschied fiel uns allen sehr schwer und wir freuen uns wirklich auf unseren nächsten Trainingseinsatz. 
Ein herzliches „Shukrya“ an die ganze Familie und alles Gute für das weitere Training. |